Das muss man mögen: Schon morgens läuft im Radio Punkmusik. Es gibt keine Werbung, keine Nachrichten, es fehlen die säuselnden Stimmen der Moderatoren. So etwas lehnen die Produzenten von Herbstradio vehement ab. Sie wollen das Niveau in der Berliner Radiolandschaft mit seinen 30 Sendern anheben, Hörer zu Wort kommen lassen, soziale Randgruppen, Künstler, Musiker und Kinder auch.
Seit September läuft das Radio-Experiment auf der UKW-Frequenz 99,1 und im Internet. Die Sendelizenz ist auf drei Monate befristet, am 22. November soll das Projekt beendet sein, hat die Medienanstalt Berlin/Brandenburg festgelegt.
Bis dahin sendet Herbstradio jeden Tag ein 24-Stunden-Programm, das eine Mischung ist aus Deutschlandfunk und dem früheren alternativen Radio 100 aus West-Berlin, vergleicht man den hohen Wortanteil mit der teils ungewöhnlichen Musikauswahl und der ausgeprägten Experimentierfreudigkeit. Alle kommen zu Wort, jeder kann mitmachen. „Wir basteln ein Angebot für die Hörer“, sagt Paul Motikat. Auch im Internet läuft das Programm.
Der 32-jährige arbeitslose Musikwissenschaftler ist einer der Initiatoren. Von zwei Standorten aus senden die Radiofreunde ihr Ost-West-Programm. Da sind die Radiopiloten um Motikat, die aus einem kleinen Kellerstudio in der Lottumstraße in Prenzlauer Berg senden, und da sind die Leute vom Klubradio. Ihr Studio liegt im Haus der Kulturen der Welt in Tiergarten.
Etwa 200 Leute sind mit der Produktion beschäftigt, rechnet man Unterstützer und sämtliche Radiogäste hinzu, wächst die Zahl auf 1 000. Geld verdient keiner mit dem Projekt, doch Spaß daran haben offenbar alle. „Das Programm ist gemischt wie die Kulturen der Stadt“, sagt Motikat. Es gab Beiträge zum Literaturfestival, zu den Märchentagen, Moderatoren sendeten von Demonstrationen. Die Protagonisten von Berlins Club- und Kunstszene kommen ins Studio, der Club der Polnischen Versager und Lesebühnen wie Chaosradio Express, die Chaussee der Enthusiasten, Radio Hochsee oder die Surfpoeten.
Freie Radios aus anderen Städten und Ländern liefern Beiträge, türkische Musik ist zu hören und Lieder unbekannter Bands, philosophische Beiträge, politische Gesprächsrunden und scheinbare Belanglosigkeiten wie bei „Spätkauf FM“.
Gern würden die Leute von Herbstradio eine dauerhafte UKW-Frequenz belegen. „Der Kreis der Mitmacher wird immer größer“, sagt Motikat. Unterstützung bekommen sie aus der Politik, im Koalitionsvertrag von SPD und Linke steht, ein nichtkommerzielles Radio in Berlin wäre wünschenswert. „Uns ist es bisher nicht gelungen, ein freies Radio einzurichten“, sagt Frank Zimmermann, SPD-Medienexperte im Abgeordnetenhaus. „Wir versuchen es weiter.“
Morgens sendet Herbstradio jetzt übrigens eine Kindersendung, das haben sich Eltern gewünscht. Punkmusik läuft später.
(Stefan Strauss)
© Berliner Verlag GmbH
Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/142488/142489.php
Kommentare
Hörerreaktion
Hallo Leute, durch die "Berliner Zeitung" habe ich von eurem Projekt erfahren und habe gleich mal reingehört. Seitdem höre ich immer wieder mal rein und finde es immer interessant und abwechslungsreich. Sowohl die Informationen als auch die Musik. Das ist einmalig - nicht in Bärlin sondern m.W. in ganz D (in Niedersachsen ist das normale Rundfunkangebot noch vieeeel öder!!). Ich hoffe mal, ihr kommt damit durch, weiterhin eine Frequenz zu erhalten. (...)
Viele Grüße & weiter viel Erfolg, Christian
Etwas verspätet vielen Dank
Etwas verspätet vielen Dank für die Lorbeeren…