Das Freie Herbstradio sendet noch bis Ende November für fast alle Berliner empfangbar auf UKW 99,1.
Donnerstagnacht, kurz nach halb eins. Aus dem Radio klingt türkischer Rock und Jazz. Mal ein bisschen wie Radiohead, dann wieder grungig und zwischendurch wie der Acid Jazz der 70er. Aber immer spannend, gut und unkalkulierbar. Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen ein ähnliches Bild. Diesmal kommt sanfter Punk und Rockabilly aus den Boxen, unterbrochen von ein paar kenntnisreichen englischen Moderationen. Ich kenne kein einziges Stück. Aber alle sind gut.Unkalkulierbarkeit ist ein Teil des Konzepts von Herbstradio. Auf UKW 99,1 ist das Programm seit September zu hören. Außerdem streamt man via Internet, unter www.herbstradio.org. Einen Nachteil hat die Sache allerdings: Ende November ist wieder Schluss mit der aparten Unplanbarkeit. Denn Herbstradio sendet in der Nische. Die Frequenz gab’s von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg MABB für ein sogenanntes „Veranstaltungsradio“. Und so coverte und covert Herbstradio das Internationale Literaturfestival und die Berliner Märchentage. Eigentlich. Und natürlich nicht 24 Stunden pro Tag.
„Eigentlich war diese Konstellation ein Zufall“, sagt Paul Motikat vom Mitveranstalter „Radiopiloten“ über die Geburt des temporären Senders. Schon seit Anfang des Jahrtausends organisieren sich die Piloten immer wieder Veranstaltungsfrequenzen, um für eine Weile ihre Idee von Radio in die Welt zu senden. „Und diesmal sagte uns die MABB, dass für den gleichen Zeitraum schon jemand anders eine Frequenz beantragt hatte.“
Die anderen, das war diesmal Klubradio.de. Dort kümmert man sich normalerweise um elektronische Musik und bringt DJ-Sets aus den Clubs on Air und ins Internet, die Frequenz hatte man für das Projekt „Rewind 2020“ zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls beantragt. In dessen Rahmen beleuchtete das Klubradio den Oktober hindurch an jedem Wochentag eines der Jahre 1989 bis 2009 auf Herbstradio.
Aber zurück zur Entstehung des Projekts: Radiopiloten und Klubradio beschnüffelten sich kurz und beschlossen, das Radio einfach gemeinsam zu stemmen – der Vielfalt konnte das nur gut tun. So finden sich nicht nur Musikspecials und Features bei Herbstradio, sondern auch Lesebühnen wie „Chaussee der Enthusiasten“, „Surfpoeten“ oder „Reformbühne Heim und Welt“. Auch Mitarbeiter vom Radio-Multikulti-Nachfolger „Multicult 2.0“ oder „Jungle World“ haben auf der Frequenz eine temporäre Heimat gefunden.
Und wie wird es nach November weitergehen? Motikat wünscht sich eine feste Frequenz für freies Radio in Berlin. Bei der MABB sieht er sogar zarte Signale dafür, dass sich irgendwann ein festes Eckchen finden lassen könnte. Zumal man beim Zuhören merkt, dass die freien Radiomacher keine Dilettanten sind. Hinter Profi-Sendern muss sich das Programm auf keinen Fall verstecken. Nur, dass man bei Herbstradio nicht schon vor dem Einschalten genau weiß, was einen erwartet.
(Kai Kolwitz)
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Quelle: http://www.berlinblock.de/
Kommentare
Kleine Korrektur
"Motikat wünscht sich eine feste Frequenz für freies Radio in Berlin..."
Naja, ist immer die Frage, was mit "freiem Radio" gemeint ist. Ein nichtkommerzielles Radio, das sich redaktionell mit den aktuellen Problemen und Entwicklungen der Stadt, kultureller und politischer Natur, beschäftigt, und vom Format so frei ist, dass die Beteiligten auch selbst zu Wort kommen können, kann durchaus als "frei" bezeichnet werden, muss aber nicht gleich der üblichen Definition "freier Radios" entsprechen. Der Wunsch, den ich in Vertretung der vielen Programmgestalter des Herbstradios äußerte, bezog sich vielmehr darauf, Berlin ein festes Radio zu geben, welches die Vielfalt der Stadt widerspiegelt - sei es nun tatsächlich ein freies Radio, ein Veranstaltungsradio oder eine andere unabhängige Radioform. Entscheidend ist doch, dass Berlin nicht zu Disneyland wird.
(Insgesamt aber ein schöner Artikel - vielen Dank!)