Herbstradio: Sechs-Punkte-Plan

6 Punkte für den Erhalt und die Neudefinition der Veranstaltungsradiofrequenz in Berlin initiiert von Klubradio und Radiopiloten im Mai 2009.

Nach Aussage der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), bzw. Bundesnetzagentur (BNetzA) soll ab September 2009 für Veranstaltungsradio in Berlin keine Frequenz mehr zur Verfügung stehen. Seit 2001 senden in unregelmäßigen Abständen Kulturprojekte, Sportveranstaltungen, Messen und Kongresse bishin zu kommerziellen Anbietern auf den bisher dafür vorgesehenen Frequenzen. Wir fordern nicht nur den Verbleib einer Veranstaltungsfunkfrequenz in Berlin, sondern legen hiermit Eckpunkte für ein Modell zur erweiterten und koordinierten Nutzung einer solchen vor.

1. Radio aus Berlin

Um den Standort Berlin als Metropole in seiner Vielfalt abzubilden, bedarf es nicht nur eines Radios für Berlin, sondern vor allem eines Radios aus Berlin.

Die zahlreichen Veranstaltungen, Messen und Events der Stadt sind ein Grund dafür, dass Berlin ein Kulturstandort internationaler Bedeutung ist. Die Aufgabe, diesen regional zu verankern und gleichzeitig überregional zu bewerben, haben im Radio bisher vor allem die temporären Veranstaltungsradios übernommen.

In Berlin fehlt ein Radioprogramm, das zwischen internationalen Gästen und lokalen Bewohnern, zwischen großen und kleinen Themen, der Hochkultur und der Popkultur, etabierten Institutionen und freien Initiativen, der Diaspora und dem Zentrum vermittelt, also nicht nur multikulturell, sondern interkulturell agiert.

Für die regionale Verankerung mit internationalem Ausstrahlungseffekt, bedarf es eines Radios, das allen Berliner Hörern auf einfachste Art und Weise zugänglich ist, weshalb nur eine UKW-Übertragung dafür in Frage kommt.

2. Vielfalt der Kulturen und Minderheiten

Die existierenden Mischformen des vielfältigen kulturellen Lebens der Stadt bilden sich nicht ausreichend in Redaktionen, Playlisten und Radioprogrammen ab. Ein dafür notwendiges flexibles redaktionelles Format, welches offen ist und sich gezielt mit den Akteuren und Kulturereignissen entwickelt, existiert bis jetzt nur als Notlösung in Form der temporären Veranstaltungsradios.

So spiegeln sich die vielen (sozialen, kulturellen, ethnischen etc.) Minderheiten und Ausdrucksformen nicht genug in Berlins Radiolandschaft wieder. Das gilt ebenso für neue Formen des Zusammenlebens von Jung und Alt oder Trends wie die Patchwork-Familie und wachsende Mobilität. Kosmopolitismus und Internationalität der Stadt sind ein Standortfaktor, der sich durch direkte Beteiligung der Kulturproduzenten in einem gemeinsamen redaktionell gestalteten Vollprogramm für die Allgemeinheit attraktiver vermittelt als allein durch Sparten und Fremdsprachenprogramme. Das Veranstaltungsradio eröffnet ein akustisches Fenster zur kulturellen Vielfalt der Stadt.

3. Förderung der Kreativwirtschaft

Die Produktivkraft der Kreativwirtschaft Berlins sollte in ihrer Attraktivtät besser dargestellt werden. Als Talentschmiede und Forschungswerkstatt eignet sich das Veranstaltungsradio zur Förderung und Anregung von Vielfalt und Kreativität und arbeitet damit der gesamten Radiolandschaft zu. Dem Interesse zur Werbung für eigene Produktionen und Veranstaltungen im Kulturbereich steht derzeit ein sehr begrenztes Angebot an redaktionell gepflegter Sendezeit gegenüber.

Es gilt, die Entwicklung neuer Sendeformen, z. B. die Integration von Streaming, Podcasts und einer Vielzahl innovativer Webdienste, die damit einhergehende Dezentralisierung des Studios und der Redaktionen, und nicht zuletzt den internationalen Programmaustausch voranzutreiben und dabei mit lokalen Kulturinitiativen, Firmen und Forschungseinrichtungen zusammenzuarbeiten.

4. Medienkompetenz durch Selbstorganisation

Die Beteiligungsstrukturen in unserer demokratischen Gesellschaft sind zunehmend von neuen Medien geprägt. Die dafür erforderliche Medienkompetenz, also der gesellschaftlich konstruktive Umgang mit Medien, bildet sich am einfachsten dort aus, wo Formen der Selbstorganisation es potenziell jedem ermöglichen, Medieninhalte mitzugestalten. Durch die direkte Zusammenarbeit mit den in der Stadt aktiven Veranstaltern und Initiativen der Medienkultur entstehen gemeinsame Lernprozesse.

5. Redaktion und Organisation

Die Redaktion eines solchen Sendemodells zeichnet sich durch Reduktion, Flexibilität und Effektivität aus. Sie wird nach den Regeln demokratischer Beteiligung und Transparenz verlaufen und im Ergebnis nachprüfbar sein. Es empfielt sich eine Orientierung an ähnlichen bereits existierenden Radiosendern wie Resonance FM (London), Radio Grenouille (Marseille), WFMU (New York ), Tilos Radio (Budapest) oder Radio Orange (Wien).

Für eine flexible und gerechte Integration der Veranstaltungsinhalte in den Programmplan sorgt ein Ausschreibungsverfahren, welches durch ein von der MABB bestätigtes Gremium kuratiert werden kann. Auf diese Weise haben auch kleinere oder nur kurze Veranstaltungen die Möglichkeit, vom Radio zu profitieren.

6. Finanzierungsmodell

Um das Veranstaltungsradio auf beschriebene Art über einen mindestens einjährigen Projektzeitraum hinweg zu betreiben, bietet sich eine Mischfinanzierung aus Stiftungen, Mitgliedergebühren, Programmlizensierung und -Partnerschaften, Sponsoring, bis hin zu Förderungen aus öffentlicher Hand an. Zusätzlich sind Einnahmen von kommerziellen Veranstaltern zu erwarten. Das Finanzierungsmodell wird sich vor allem durch seine Kosteneffektivität auszeichnen und im internationalen Vergleich weniger durch Üppigkeit, sondern vielmehr durch Innovationskraft hervortreten.

Berlin, Mai 2009, initiiert von Klubradio und Radiopiloten

Quelle: http://www.radiopiloten.de/sechs-punkte-veranstaltungsradio

AnhangGröße
6 Punkte für Veranstaltungsradio (PDF)68.04 KB